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Im Reich des Dr. House

Von Sir Rohner

Einige Leser werden sich im Verlauf dieser Kolumne fragen, ob es sich hier nur um eine schlechte Kopie meines letzten Krankenreports handelt. Und ich kann nicht verneinen, dass gewisse Pendants zu finden sind.

Wie auch immer. Bereits vor gut einem Monat genoss ich einen kurzen aber heftigen Aufenthalt im Notfallbereich des Kantonsspitals Frauenfeld und als ob mir dies gefallen hätte, tat ich es wieder. Tja, der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier.

Diesmal quälten mich übelste Bauchschmerzen. Zu Hause seuchte ich im Bett ein paar Stunden vor mich hin, bis Madame von der Krankenkassenhotline meinte, eine genauere Abklärung bei medizinischem Fachpersonal wäre von Nöten. «Jänu so haut.» Der Zeitpunkt war einmal mehr günstig gewählt: morgens um 2 Uhr war der Notfallaufnahmebereich ziemlich leer. Ein blonder Engel, der nebenbei als Ärztin amtete, untersuchte meine Bauch- und Unterleibsgegend. Ich schätzte ihre fachmännischen Handgriffe und Fragen, mein Magen hingegen nicht, und dieser antwortete prompt mit dem letzten Drittel an verbliebenem Znacht! Kurz darauf ging ich wieder online und der erste Transparentbeutel mit Flüssignahrung hing baumelnd über meinem Kopf. Als Auslöser für meine Bauchschmerzen wurde der Appendix, der Blinddarm, vermutet. Aber eine Ultraschalluntersuchung am nächsten Tag sollte letzte Gewissheit schaffen.

Auf jeden Fall durfte ich für eine Nacht einchecken. Netterweise musste ich keinen Zimmerschlüssel holen und keine Kreditkartennummer hinterlegen. Ich wurde sogar samt Bett abgeholt. Im Lift studierte Pflegeassistentin D Punkt meine Krankenakte und bot mir gleich das Du an. Wow, die war soooo lieb! Die Penthousesuite war leider schon belegt und so kam ich in einem gewöhnlichen 4-er Schlag unter.

Als ich am nächsten Tag gegen Mittag vor dem Ultraschalluntersuchungsraum stand, überkam mich ein übles Gefühl. Nicht so übel wie am Vorabend, Nein, denn dafür war der Magen zu leer. Aber was wenn ich nun schwanger sein sollte? Mir war schlecht und ich hatte Bauchschmerzen: zwei typische Merkmale. Und dem Gouverneur Schwarzenegger ist das in einem Hollywoodstreifen auch mal passiert. Der Gedanke war also gar nicht so abwegig.

Auf mein Bauch kam ordeli Sauce und ein deutscher Medizinmann surrte mit dem durch-die-Haut-Feldstecher über meinen antrainierten 10-Pack! Es war der Appendix! Etwas aufgeblasen und äusserst gereizt drang er sich zur Entfernung praktisch auf! Dieser Appendix ist, wie im übrigen die Mandeln oder die Weisheitszähne auch, ein richtiges Schmarotzerorgan. Sie geniessen dein Leben lang Kost und Logis und sind zu nichts nütze. So wie die Tauben in der Tierwelt! Als Dr. House in mein Zimmer kam - und ich bin mir ziemlich sicher er war’s - meinte er für diesen Appendix hätte das letzte Stündchen geschlagen! Ich stimmte ihm zu! Alles raus was keine Miete zahlt. Es wurde auch Zeit in diesem Organvorgarten mal tüchtig aufzuräumen. Packen wir’s an! Da am Nachmittag um 16 Uhr noch ein OP-Schragen frei war, ergriff ich diese „günstige“ Gelegenheit.

Ich war ja schon länger nicht mehr operiert worden und hoffte eigentlich auf eine Teilnarkose, um am Flatscreen diesen Quacksalbern auf die Finger zu schauen! Denn auch hier gilt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Man hört ja immer wieder so Zeugs wie: Werkzeuge im Patient vergessen oder falsches Organ entfernt. Auch sollen einige Doktoren nach getaner Arbeit Messer und Gabel abschlecken! Nicht mit mir! Rostiges Werkzeug einsetzen….nee, nee Freunde! Leider wurde daraus aber nichts, da beschlossen wurde, mein Mundwerk aus belehrtechnischen Gründen auch lahm zu legen.

Auf den Weg in den Schlachtraum kündete mich meine Bettfahrerin an. „Ich bringe Patient Rohner.“ – „Rohner? Rohner mit Blinddarm?“ – „Ja, genau!“. Um diese Vergewisserung des Patienten und des zu entfernenden Organs war ich unheimlich froh. Monoman würde ich alt aussehen, wenn die mir die Witzkiste ausgebaut hätten.

Der Narkosearzt gab mir zuerst eine kleine Dosis vom Durchsichtigen und ich konnte es nicht verkneifen zu fragen, ob das für mich reichen würde. Er belehrte mich, nicht mehr in Ausbildung zu sein und dem Unterton war zu entnehmen, dass er sein Handwerk verstand. Für weitere glorreiche Fragen fehlte mir die Zeit, da ich einschlief.

Ein Stündchen später wachte ich im Zimmer wieder auf. Die Schmerzen im Bauch bezifferte ich auf der Skala von 1 bis 10 mit einer 12 und bat um etwas Stoff!

Ich hatte noch drei Zimmergspänli und der Bettnachbar kam auch frisch vom OP. Er war pensionierter und passionierter Schreiner. Behauptete er zumindest, denn an seinen Händen fehlte kein Finger. Ich will nicht angedeutet haben, Schreiner hätten keine Ahnung von ihrem Beruf und schnitten sich dann und wann nur schon zur Selbstbestätigung ihres Fachs einen Finger ab. Aber es ist doch oft so, dass sie mehr als zwei Hände brauchen, um bis zehn zu zählen. Den endgültigen Beweis dafür lieferte er dann nachts, als es neben mir tönte wie an einer Holzfräse. Gönnte er sich zwischenzeitlich eine sprichwörtliche Verschnaufpause, fühlte sich Atatürk vis-à-vis wohl durch ihn inspiriert und zersägte den Rest des Amazonas auf Zahnstochergrösse. Grr!!

Leute, die mich näher kennen, wissen, dass ich bei nicht periodischer Fütterung emotional entgleisen kann. Und da ich seit der Aufnahme nichts Handfestes erhielt, fragte ich die umsorgenden Damen, ob ich den Pizzakurier selber anrufen müsse. Diese fanden es zwar lustig, versicherten aber gleichzeitig mir über den Beutel am Haken alles nötige zuzuführen. Da musste dann wohl flüssiger Servelat, Buureschüblig, Salami und Quöllfrisch in mich reinfliessen. Der Gedanke tat gut!

Nach einer weiteren Nacht in der in meinem Zimmer intensivst für allerlei Heizformen mit Holz geworben wurde, durfte ich den Medizintempel verlassen. Obgleich ich es äusserst schade fand, denn D Punkt arbeitete nach zwei freien Tagen wieder. Meinem Wunsch den Appendix in einem Einmachglas als Trophäe nach Hause zu nehmen oder ihn in Anbetracht der allgegenwärtigen Wurstkrise in unserem Land einem Metzer zu sponsern (mehr davon nächste Woche), konnte nicht entsprochen werden. Er wäre bereits im Labor und würde zerschnitten und untersucht. Na dann, es Lebe der stetige Fortschritt der Medizin.

Der Franchisen-Rausschlager Sir Rohner

 

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