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Ein Gemälde erzählt

Zwei Gemälde sind nach dem Bührle-Kunstraub wieder aufgetaucht. Mit da­bei war auch das Monet-Werk «Mohnblumen bei Vétheuil». Ein Rekonstrukti­onsversuch in Prosa.

Von kelseb

Es ist ein ruhiger Sonntag, erst fünfzehn Menschen sind an mir vorbeigegangen. Die haben mich wie üblich kurz fixiert. «Ah, Monet», ist das einzige, was ihnen in den Sinn kommt.  Doch was ist jetzt los? Zwei Männer kommen schnellen Schrittes auf mich zu, die Gesichter sind nicht zu erkennen, sie haben einen Strumpf über den Kopf gezogen. Wortlos kommen sie näher. Einer streckt seine Hände in meine Richtung aus und nimmt mich von der Wand ab. «Au secours! Nicht anfassen, und nicht so grob, je suis âgé!» Aber keiner hört mich - ich bin ja nur ein Bild. Die beiden Männer entwenden drei weitere Gemälde. Auch meinen teuren Freund «Der Knabe mit der roten Weste». Sie nehmen uns unter die Arme und verlassen rasch das Mu­seum. Ich blicke die anderen Gemälde an, aber die regen sich nicht. Die Männer verstauen uns sogleich in einem Auto.

Seit zirka einer Woche stecke ich nun unter dieser Samtdecke, zusammen mit meinem Leidensgenossen «Blühender Kastanienzweig».  Es ist eng hier drin, ich sehe kein Licht, was zwar für meine Konsistenz nicht schlecht ist, für mein Gemüt aber schon. Ein ungutes Gefühl beschleicht meinen Öl-Bauch. Ich bin ja schon viel auf der Welt herumgekommen, nachdem mich mein Maler Claude Monet um 1880 in Frankreich gemalt hat. Fünfzig Jahre hing ich nun in der Stiftung E.G. Bührle – und eigentlich hat es mir gefallen. Ich will zurück.

Plötzlich werden wir aufgehoben und stossen kurz zusammen. «Nichts passiert, keiner verletzt.» Und dann werden wir wieder hingestellt. Ein Motor beginnt zu brummen. Wohin geht es diesmal? Durch das Rütteln des Motors rutscht die Samt­decke von uns ab, ich kann endlich etwas sehen. Der Wagen hält an. Ich lese: «Klinik Burghölzli». Der Fahrer und sein Beifahrer steigen aus und rennen davon. Was soll das? Nach einer Weile kommt ein Unbekannter und schleicht um den Wagen. Als er uns erblickt, geht alles ziemlich schnell. Er geht weg, und zehn Minuten später ist die Polizei schon da. Wir sind gerettet! Und da kommt auch schon Direktor Gloor. «Eine grosse Gnade», sagt er. «Merci beaucoup! Häng mich einfach zurück an meinen Platz», sage ich. Er kann mich nicht hören, aber er erhört dennoch meine Bitte.

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